Reisetagebuch: Tag 3

Es ist heiss. Verdammt heiss. Das macht aber nichts, denn daran gewoehne ich mich schnell. Ausserdem bin ich bei einer tollen Couchsurferin gelandet. Anita ist Anfang 20 und stammt urspruenglich aus Guadalajara, lebt aber bereits seit ein paar Monaten in Cancún und arbeitet hier als Animateurin in einem Hotel. In Cancún ist es alles andere als unueblich, dass die Leute nicht dort geboren sind, ganz im Gegenteil: vor Allem junge Leute finden seit Jahrzehnten den Weg in die Hotel- und Casinostadt, die vor ueber 30 Jahren aus dem Boden gestampft wurde und mittlerweile sowas wie das mexikanische Pendant zu Las Vegas ist.

Grob genommen besteht die Stadt aus zwei Teilen, naemlich dem, wo die arbeitende Bevoelkerung und dem touristischen Teil, der Zona Hotelera (dt.: „Hotelzone“). Der Unterschied koennte groesser nicht sein: waehrend die Hotelzone floriert und vor Reichtum sprichwoertlich nur so strotzt, sieht es in anderen Teilen Cancuns anders aus, an manchen Ecken ist die Armut deutlich sichtbar. Das ist nicht verwunderlich, denn wer nicht gerade einen der besser bezahlten Jobs in der Tourismusindustrie hat, verdient oftmals nur um die 200 Euro im Monat. Das ist auch der Grund, warum viele Mexikaner_innen es vorziehen, im informellen Sektor zu arbeiten. Das bedeutet: zahlreiche Strassenverkaeufer_innen und Dienstleister_innen sind nicht offiziell gemeldet und zahlen dementsprechend keine Steuern. Der mexikanische Staat ist unfaehig, etwas dagegen zu unternehmen und nimmt die Ausmasse des informellen Sektors, der laut Schaetzungen bis zu 40% des BIP ausmacht, stillschweigend hin.         Auch in Cancún ist das Stadtbild vom informellen Sektor gepraegt.

Doch zurueck zum eigentlichen Thema: Ich bin zu Gast in der Wohnung, die meine Gastgeberin Anita sich mit zwei weiteren jungen Mexikaner_innen teilt, die ebenfalls aus anderen Teilen des Landes zugezogen sind und ebenso wie Anita im Tourismussektor taetig sind. Die Wohnung ist Teil eines etwas runtergekommenen Hauses, welches sich etwas ausserhalb der Zona Hotelera befindet. Insgesamt ist die Wohnung recht klein; jede der Frauen hat ihr eigenes kleines Zimmer, ausserdem gibt es ein Wohnzimmer, das gleichzeitig als Esszimmer dient, eine geraeumige Kueche und ein winziges Bad, indem ich mich kaum bewegen kann. Wohl fuehle ich mich hier trotzdem, denn Anita bemueht sich sichtlich, meinen Aufenthalt so angenehm wie moeglich zu gestalten.

Wir sitzen in der halbdunklen Wohnung am Esszimmertisch und unterhalten uns ueber Gott und die Welt und ueber unser beider Leben. Schnell stellt sich heraus, dass Anita deshalb nach Cancún gekommen ist, weil sie hier viel mehr berufliche Moeglichkeiten hat als in ihrer Heimatstadt Guadalajara. Die Arbeit macht ihr Spass, sie ist gerne Animateurin sagt sie. Ich glaube ihr das sofort, denn sie freut sich wie ein Honigkuchenpferd darauf, heute noch mit den Gaesten aus den USA, die sie derzeit betreut, auszugehen. Sie laedt mich dazu ein, sie in den angesagten Club Señor Frog’s zu begleiten, aber ich muss passen, denn die 65 Dollar Mindestkonsum sind mir dann doch zu viel. An dieser Stelle merke ich selber wieder einmal, dass ich nicht der typische Cancún-Tourist bin, wie Anita ebenfalls laechelnd anmerkt.

 

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