Tag 4 (Teil 2): Eine Insel im Ausverkauf

Nachdem wir uns durch den Touri-Dschungel gekaempft haben machen wir uns nun auf zu einem der weissen Sandstraende auf der Isla Mujeres. Hier ist es nun nicht mehr ganz so voll wie im Zentrum der Insel, dafuer wirkt es aber so stark touristisch aufbereitet, dass es schon fast etwas Absurdes an sich hat. Karina hat dafuer die passenden Worte parat:

                                „Das sieht hier ja alles aus wie im Katalog.“

Recht hat sie. Das „echte“ Mexiko ist das hier wohl am allerwenigsten, aber ich nehm auch das hier gerne mit, denn schliesslich moechte ich moeglichst viel kennenlernen.         Wir suchen uns also unser Plaetzchen am leider gar nicht so schattigem Strand – eine Tatsache, die mir aufgrund der Sonnencreme-Spruehattacke vor ein paar Stunden (siehe Teil 1) nichts ausmacht. Also sofort ab ins schoene warme Wasser. Ich geniesse die Waerme des Wassers und die strahlende Sonne ueber mir fuer einige Minuten, doch als ich dann doch weiter rausschwimmen moechte, bemerke ich, dass das nicht geht, denn ein Netz versperrt mir den Weg. Natuerlich koennte ich einfach drueberschwimmen, aber die Absperrung hat ihren Sinn: direkt dahinter heizen Jet Skis und Motorboote in verschiedenen Farben und Formen um die Wette. Ich merke immer mehr: Das ist hier schon sowas ein Spielplatz fuer die Superreichen. Eine Mischung aus Saufen und purem Luxus, eine Mischung aus Mallorca und Cannes. Die Lust auf den etwas klein geratenen Outdoor-Swimming-Pool vergeht uns dann auch ganz schnell. Wir entspannen noch etwas in der Sonne und machen uns kurz darauf wieder fertig, um den Rest des Zentrums barfuss mit sandbedeckten Fuessen auf viel zu heissem Untergrund zu erkunden.

Eine Sache faellt mir dabei auf: die Mexikanerinnen und Mexikaner, die hier Urlaub machen, sind auf den ersten Blick eher selten Indigene, doch diejenigen, welche an den Verkaufsstaenden und an den Bars hinterm Tresen stehen meist schon. Das deckt sich mit dem, was ich bereits auf meiner ersten Mexiko-Reise im Maerz 2013 bemerkt und auch in verschiedenen Publikationen gelesen habe: die strukturelle Diskriminierung von Indigenen ist in Mexiko in vielen Bereichen nach wie vor sichtbar, und die Arbeitswelt ist eine davon: Indigene arbeiten im Schnitt mehr und verdienen dabei weniger. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Bildungsstand meist niedriger ausfaellt als bei anderen Bevoelkerungsteilen, was wiederum strukturelle Diskriminierung als Ursache hat, denn ueber viele Jahrzehnte kuemmerte sich die Regierung ueberhaupt nicht um die sozial und wirtschaftlich abgehaengten Regionen im ueberwiegend von Indigenen bewohnten Sueden des Landes. Doch das ist ein Thema fuer sich, dazu dann an anderer Stelle mehr.

Zurueck zum eigentlichen Thema: Karina und ich haben zwar keine Lust mehr auf den langweiligen Strand, aber wir haben schon Lust, noch ein bisschen auf der Insel zu verweilen. Kurzerhand beschliessen wir, uns Fahrraeder auszuleihen. Nur wenige Meter weiter finden wir auch den naechsten Verleih. Ich frage kurz nach dem Preis, und der Verleiher verwickelt mich in ein Gespraech: er sei aus Mallorca, erzaehlt er mir, von daher kenne er die Deutschen sehr gut. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen und denke mir, dass er wohl nicht ohne Inseln, auf denen sich die Touris so richtig volllaufen lassen, kann. Naja muss er wissen. Ausserdem ist er ja dran gewoehnt. Wir nehmen uns also die Fahrraeder – Lenka ein schoenes Damenrad und ich fuer meinen Teil das einzige, aber viel zu kleine Mountainbike, dessen Sattel ich bis zum Anschlag hochstellen muss, um ueberhaupt fahren zu koennen. Nach der kurzen Justierung gehts dann ab die Post. Unser Ziel: die Punta Sur, also die suedliche Spitze der Insel, welche ungefaehr 7 km entfernt ist.

Wie nicht anders zu erwarten ist ausserhalb des Zentrums nicht viel los, aber genau das tut uns gerade richtig gut – endlich weg von dem Touri-Trubel. Der im Zentrum sehr dichte und nervige Autoverkehr laesst dann ausserhalb auch stark nach, dennoch kommt mir die Insel insgesamt vielbefahren vor – zu viel. Auf unserem Weg passieren wir einige Strassenverkaufsstaende und auch die eine oder andere kleine Cafeteria, welche laut Selbstauskunft einheimische Kueche anbietet. Noch haben wir nicht wirklich Hunger, weshalb wir erstmal weiterfahren. Dann faellt mir etwas Anderes auf, naemlich Schilder am Strassenrand, auf denen „For Sale“ (dt.: „Zu Verkaufen“) geschrieben steht. Meist mit Namen darunter, die nordamerikanisch aussehen. „Das ist es, davon hab ich doch schon mal gehoert“, spreche ich leise vor mich hin. Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor einiger Zeit gelesen habe, indem es darum ging, dass Land auf der Isla Mujeres schon vor einigen Jahren guenstig verschachert wurde – zumeist an US-Amerikaner. Diese verkaufen das Land nun ihrerseits fuer ein Vielfaches weiter. Land, welches zumeist zugewuchert ist und auf dem auch keine Haeuser oder dergleichen stehen. Haeufig sieht das dann so aus:

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Doch nicht nur, denn es gibt auch Anwesen, die zum Verkauf stehen, bei welchen Haeuser wie z.B. dieses hier dann gleich inbegriffen sind:

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Natuerlich ist die Isla Mujeres auch voll von Luxushaeusern, die nicht zum Verkauf stehen. Diese sind dann meist ringsum rigoros mit Stacheldraht, Mauern und High-Tech-Ueberwachungskram ausgestattet, um sich das arme Fussvolk – welches trotz der recht erfolgreichen Massnahmen der Vertreibung nach wie vor auf der Insel sesshaft ist – moeglichst effektiv vom Leib zu halten. So steht die Isla Mujeres exemplarisch fuer einen Prozess, der auch an vielen anderen Orten Mexikos stattfindet: schoene, touristisch erschliessbare Orte werden fuer Bestverdiener einer Generalkur inklusive Aus- oder gar kompletten Neuaufbau der Infrastruktur (Autobahnen, Haefen, etc.) unterzogen, waehrend die einheimische Bevoelkerung und die Natur darunter leiden. Auch das ist ein Thema, bei dem ich noch viel mehr in die Tiefe gehen muss und auch werde.

Nun ist aber erstmal Schluss, denn ich bin zu muede zum Weiterschreiben und gehe jetzt ins Bett 😉

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