Tag 4/5 Auf Spurensuche

Ja, leider haben zwei Eintraege fuer Tag 4 immer noch nicht ganz gereicht. Hier gehts deshalb weiter mit dem Rest des Tages und dem Beginn von Tag 5: wir haben unsere Fahrradtour zur Punta Sur der Isla Mujeres durchgezogen und sind dann noch etwas auf der Insel verweilt. An der Punta Sur selber begegnete uns zum ersten Mal ein Hauch von Korruption in Mexiko. Es gibt dort neben ein paar Gaststaetten eine alte Maya-Ruine direkt auf einem Felsvorsprung etwas oberhalb der Brandung, von welcher aber praktisch nichts uebrig geblieben ist. Von Weitem kann man sie auch gar nicht sehen. Im Grunde war der Zugang eh schon geschlossen, doch da wir anfangs nicht sicher waren, ob wir nicht doch reingehen sollten, standen wir etwas ratlos vor der leicht ueberwindbaren Absperrung. Ein Mann wies uns dann freundlich darauf hin, dass geschlossen sei,  fuegte dann aber mit einem Augenzwinkern hinzu, dass die Sicherheitsleute fuer ein kleines Trinkgeld sicher nochmal oeffnen wuerden. Wir lehnten dankend ab. Mir fiel dann wieder ein, warum das hier so ist: die Leute hier werden auch in diesem Touri-Paradies zumeist beschissen bezahlt. Klar, dass das dann solchen kleinen „Nebenverdiensten“ Tuer und Tor oeffnet. Der Begriff „Korruption“ ist hier etwas uebertrieben, aber ich moechte lediglich darstellen, dass und inwiefern dieses ganze Uebel auch schon in harmlosen Bereichen anfaengt und sich dann bis in die hohe Politik fortsetzt.

Wir sind dann weitergefahren, ueber die andere Seite der Insel wieder zurueck zum noerdlichsten Punkt, um unsere Fahrraeder abzugeben und uns dann heimwaerts aufzumachen. Wieder in Cancún angekommen, gings fuer mich dann mit dem Taxi von der Busstation ADO aus zurueck zu meiner Couchsurfing-Gastgeberin Anita – aber nur, um meine Sachen abzuholen und zur naechsten Gastgeberin weiterzufahren.                                    Auf der Taxifahrt fasse ich zum ersten Mal den Entschluss, den jemanden einfach so nach seiner Meinung ueber die Zapatisten zu befragen. Der offen wirkende Taxifahrer moechte sowieso wissen, warum ich hier bin, also warum nicht? Ich berichte ihm also von der Intention meiner Reise und er schaut mich erst mal an wie ein Pferd: „Ernsthaft?“, entgegnet er mir dann. „Ja“, antworte ich mit ruhiger und bestimmter Stimme.            Seine entgleisten Gesichtszuege entspannen sich wieder, er merkt, dass ich es Ernst meine. Nun fangen wir an zu reden. Er teilt mir mit, dass die Zapatistas nicht mehr das seien, was sie einmal waren; dass sie gute Ziele gehabt, diese aber zum groessten Teil nicht erreicht haetten und nun massiv an Bedeutung verloren haetten. Leider kann er das nicht an konkreten Beispielen festmachen, erzaehlt mir dafuer aber davon, dass die Zapatistas ihrerseits in den Drogenhandel verwickelt waeren – und dass, obwohl sie stets vorgeben, diesen mit allen ihnen zur Verfuegung stehenden Mitteln zu bekaempfen. Ich komme ins Stutzen. Koennte das wirklich sein? Begehen die Zapatistas den selben Fehler die kolumbianische FARC? Ich kanns mir nicht vorstellen, sondern denke mir, dass die von der Regierung lancierten Kampagnen der Desinformation bei diesem Taxifahrer beispielhaft ihre nachhaltige Wirkung zeigen. Ein paar Minuten spaeter sind wir auch schon angekommen. Ich bedanke mich noch schnell bei dem Taxifahrer und mache mich auf. Da es ein langer Tag war, mache ich auch bei Anita keine weiteren Anstalten, sondern packe nur flugs meine Sachen und breche dann unverzueglich wieder auf in Richtung meiner neuen Gastgeberin Jazy.

Wenige Minuten spaeter komme ich mit dem Taxi an der Adresse an, die Jazy mir per WhatsApp geschickt hat, doch leider ist dort niemand anzutreffen. Ich checke mehrfach, ob ich mich nicht vielleicht doch in der Strasse geirrt habe. Nein. Habe ich nicht. Auffindbar ist sie trotzdem nicht. Ich versuche, sie anzurufen. Klappt nicht. Netz tot und ich habe keine Ahnung, warum. Dann warte ich einfach vor dem Haus. Fuenf Minuten, zehn Minuten, zwanzig Minuten – aber nichts passiert. Da mir alles andere sowieso nichts bringt, gehe ich die Strasse etwas auf und ab. Das macht in dieser Gegend, in der einige Leute in regelrechten Hochsicherheitstrakten leben auch gleich die ersten Nachbarn verrueckt, sodass ich schon nach ein paar Minuten von einem jungen Mann angesprochen werde, was ich denn hier machen wuerde. Die Situation ist schnell geklaert, aber ich bin von nun an lieber moeglichst unauffaellig, bevor noch so ein Paranoiker um die Ecke kommt. Insgesamt ist bereits ueber eine Stunde vergangen, langsam werde ich etwas nervoes. In Cancún auf der Strasse zu pennen ist keine schoene Vorstellung. Aus meiner Verzweiflung erwaechst Verwirrung. Vielleicht bin ich hier ja doch falsch? Das Adress- und Strassensystem ist ein ganz anderes als bei uns in Deutschland und mir fiel es eh schon immer schwer, das zu checken. Also gucke ich lieber nochmal. Nach ein paar Minuten Suche bin ich mir sicher: hier muss es sein! Sieht zwar im Gegensatz zu dem schicken Neubau, vor dem ich bis eben noch stand krass heruntergekommen aus, aber dafuer ist es das jetzt bestimmt. Ich klingele. Wieder nichts. Brennt ja auch kein Licht. Wieder warte ich ein paar Minuten, rufe mehrfach. Klingele mehrfach. Nichts passiert. Dann die Rettung: ein paar junge Leute kommen am Haus nebenan an. Ich zoegere nicht lange, sondern frage sie sogleich, ob ich Jazy von einem ihrer Handys aus anrufen kann. Zwar schauen sie mich kurz etwas verdattert an, aber eine von ihnen gibt mir dann bereitwillig ihr Handy. Ich erreiche Jazy, aber die Verbindung ist scheisse. Nach dem mehrminuetigem, da mehrmals unterbrochenem Telefonat weiss ich nun, dass ich doch komplett falsch war. Jazy behauptet, mir eine komplett andere Adresse geschickt zu haben. Ich behaupte das Gegenteil. Verfahrene Situation, denn wir sind beide angepisst.

Ich bedanke mich bei der Gruppe, frage nochmal kurz nach dem Weg und mache mich dann los. Doch nach ein paar Minuten muss ich feststellen: Scheisse, verlaufen. Heute ist echt nicht mein Tag. Wie auch immer, ich treffe zum Glueck auf einen aelteren Mann, der grade seinen Benz in die Garage gefahren hat und frage ihn nach der Moeglichkeit zu telefonieren. Geht klar, von seinem Handy aus. Ich erreiche Jazy, aber wieder ist die Verbindung scheisse. Irgendwie kriegen wir es aber doch hin, miteinander zu kommunizieren. Jetzt warten sie und ihre anderen beiden Couchsurfing-Gaeste bereits seit 2 Stunden mit dem Abendessen auf mich. Ich merke, sie ist schon verdammt sauer. Ich ueberlege mir deshalb kurz, ob ich nicht doch zu Anita zurueckgehen sollte. Die sagt mir auf Nachfrage auch tatsaechlich zu. Wenige Minuten spaeter finde ich dann aber doch Jazys Haus – in einem Moment, als ich voller Verzweiflung schon gar nicht mehr damit gerechnet haette.

Sie wohnt in einem grossen, luxurioes anmutendem Gebaeudekomplex, u.A. mit einem grossen Innenhof mit Swimming Pool aufwartet. Viel Zeit zum Staunen bleibt jedoch nicht, denn oben warten die anderen beiden Couchsurferinnen und das bis unten hin lecker duftende Essen. In der Wohnung angekommen denke ich mir auch hier: nicht schlecht! Ich bekomme erstmal nur Kueche und Wohnzimmer zu sehen, und die sind wirklich sehr geraeumig und – so typisch buergerlich – ikeamaessig eingerichtet. Ich merke, Jazy ist schon etwas besser gestellt als Anita, die mit ihren Mitbewohnerinnen in einer etwas heruntergekommenen Bude lebt. Nun lerne ich die anderen Couchsurferinnen auch kennen: Stella, Psychologin aus Australien und grade fleissig am Spanischlernen sowie María, Reisejournalistin aus Brasilien, sind ebenfalls bei Jazy zu Gast. Wir verstehen uns alle vier auf Anhieb, die drei Frauen loechern mich mit Fragen. „Woher kommst Du?“; „Was ist das Motiv Deiner Reise?“; „Warum machst Du das hier?“                                                 Ich gebe mir Muehe, alle diese Fragen moeglichst gut zu beantworten. Das kurze, aber intensive Gespraech gibt mir viel, denn Jazy und María haben ein paar Infos ueber die Zapatisten als auch ueber soziale Bewegungen in Mexiko im Allgemeinen fuer mich parat. So klaert Jazy mich z.B. darueber auf, welche Orte ich unbedingt besuchen sollte und wie ich dort hinkomme.

Ich fuehl mich angekommen. Trotz des langen, stressreichen Tags und des ganzen Rumgenerves mit der falschen Adresse fuehle ich mich hier jetzt sehr wohl, fast wie zu Hause. Das kurze, aber intensive Gespraech macht nicht alles wett, aber viel. Ich freue mich, hier zu sein und mich morgen weiter mit den Frauen zu unterhalten. Nun ist es Zeit fuers Bett, mir fallen die Augen zu….

 

 

 

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