Tag 5: Die Zapatistas und der Lehrerprotest

Heute mache ich mal gar nichts wirklich, ausser mich mit meinen mitgebrachten Buechern weiter ueber die Zapatistas und Mexiko insgesamt zu belesen. Muss auch mal sein. Zugegeben, „gar nichts“ ist untertrieben, denn ich hatte heute morgen eine interessante Unterhaltung mit María, eine der anderen Couchsurferinnen, die derzeit bei Yazy unterkommen. Sie war nach wie vor neugierig darauf, warum ich unbedingt zu den Zapatistas moechte, also haben wir uns unterhalten. Ich habe Ihr vom Kaffeeverkauf ueber das Kaffeekollektiv Aroma Zapatista in Hamburg erzaehlt, und wie ich das Ganze gemeinsam mit ein paar Anderen in Leipzig und Halle unterstuetze und vor Allem warum. Ich habe ihr dann dargelegt, warum das, was die Zapatistas in Chiapas machen, meiner Meinung nach wohl das derzeit einzige gross angelegte linke Projekt auf dem ganzen Globus ist, das zumindest ansatzweise die Bezeichnung „progressiv“ verdient hat. Dabei musste ich aber auch eingestehen, dass ich mir da selber nicht sicher bin, denn schliesslich weiss ich alles, was ich ueber die Zapatistas weiss, nur aus Buechern. Doch deshalb bin ich ja auch hier: ich moechte erfahren, ob meine Beurteilung etwas mit der Realitaet zu tun hat oder nicht. Fuer sie klang das verstaendlich und sie gab ihrerseits zu, dass sie zu ihrem Bedauern fast gar nichts ueber die zapatistische Bewegung weiss, das aber unbedingt nachholen moechte. Das fand ich toll, denn ich merkte, wie ich sie mit meinem Interesse angesteckt habe.

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Zu Gast bei Jazy (von links nach rechts): ich, María und Stella

Wir redeten aber nicht nur ueber die Zapatistas, denn wie sich rausstellte, weiss María tatsaechlich ziemlich viel ueber das aktuelle politische Geschehen in Mexiko – ich merkte im Gespraech mit ihr, dass ich hingegen Nachholbedarf habe. Sie erwaehnte mir gegenueber die Lehrer_innenproteste, welche bereits seit ueber 3 Monaten in den Bundesstaaten Chiapas, Michoacán, Oaxaca und Guerrero stattfinden. Ich hab davon zwar gelesen, hielt es aber nicht fuer eine besonders bemerkenswerte Nachricht. Wie sich zu meiner Verwunderung rausstellte, ist es genau das und es brachte mich in der Tat auch auf eine neue Faehrte. Warum? Das moechte ich im Folgenden erklaeren. In den genannten Bundesstaaten befinden die Lehrer_innen sich deshalb seit mehr als 3 Monaten im Streik, weil sie sich gegen die sogenannte „Bildungsreform“ wehren, welche Mexikos Praesident Peña Nieto bereits vor mehr als 2 Jahren auf den Weg gebracht hat. Diese „Bildungsreform“ ist mehr eine Arbeitsreform als alles andere, denn die Hauptpfeiler der Reform sind folgende: alle Lehrer_innen, welche mehr als 3 Tage unentschuldigt fehlen, sollen fortan fristlos entlassen werden koennen. Damit soll Entlassungen bei Streik Tuer und Tor geoeffnet werden. Darueber sieht die Reform vor, Lehrer_innen im gesamten Bundesstaat einer Evaluation zu unterziehen, bei welcher jedoch die unterschiedlichen Konditionen, unter denen unterrichtet wird, keinerlei Rolle spielen sollen. Der Lehrer_innengewerkschaft CNTE passt das nicht, sie hat deshalb ihrerseits gemeinsam mit anderen sozialen Gruppen und Initiativen zu Protesten aufgerufen, doch mittlerweile wird das Ganze auch der Gewerkschaft zu heiss: Schritt fuer Schritt scheint sie einen Rueckzieher zu machen und sich immer mehr den Regierungsbehoerden und den Gruppierungen erzuernter Eltern anzubiedern. Doch die Lehrer_innen geben nicht auf: sie haben innerhalb der Gewerkschaft ihre eigenen Koordinationsgruppen gegruendet, ueber die sie sich nun – teils unabhaengig von der Gewerkschaftsleitung – organisieren. Auch die Regierung gibt ihrerseits nicht nach, sie will die Reform mit aller Macht durchdruecken, was man u.A. anhand der Schilder-Kampagne in mehreren Staedten auch deutlich sehen kann.

Die Lehrer_innen ihrerseits rufen unermuedlich zu Streiks, Demonstrationen und Blockaden auf. Zentrum des Protests ist die Stadt Tuxtla Gutierrez in Chiapas, in welcher seit mehr als 3 Monaten mehrere Tausend Lehrkraefte in einem Camp im Zentrum dauerhaft protestieren. Vom Camp aus organisieren sie gross angelegte Demos mit teils mehreren Zehntausend Teilnehmenden und auch – was haeufig kritisiert wird – strategisch angelegte Blockaden von Supermaerkten, Zufahrtsstrassen, Autobahnstrecken, Banken und vielem mehr, sodass Teile des oeffentlichen Lebens in Tuxtla regelmaessig lahmgelegt werden. Die Regierung bekaempft das nicht nur mit dem Mittel der Desinformation, sondern laesst auch regelmaessig die Polizei auf die Protestierenden los. Das Ergebnis des Einsatzes von Traenengas, Schlagstoecken und Schusswaffen waren bereits mehrfach etliche Verletzte und auch einige Tote.

So, an dieser Stelle breche ich die Schilderung der Proteste erst einmal ab. Ja, ich weiss, ich bin echt gemein, aber verlasst Euch drauf: dazu gibts noch nen eigenen Blogeintrag, vielleicht auch mehr. Wo war ich stehengeblieben? Genau, María verwies mich also auf eben jene Proteste und erwaehnte in dem Rahmen, dass auch die zapatistische Befreiungsarmee EZLN kuerzlich ein Pamphlet veroeffentlicht hat, in welchem sie ihre Solidaritaet mit den protestierenden Lehrkraeften oeffentlich machte. Das hat auch 20 Jahre nach Beginn des zapatistischen Aufstands noch einiges an Symbolkraft. Fuer mich war nach dem Gespraech klar: bevor es nach San Cristóbal de Las Casas geht, muss ich unbedingt nach Tuxtla, und mir das Ganze aus der Naehe anschauen, solange ich noch die Moeglichkeit dazu habe. Ich bin dann gemeinsam mit den anderen beiden Couchsurferinnen ab zum Busbahnhof von ADO, um die Fahrtzeiten direkt vor Ort zu checken und tatsaechlich hab ich auch gleich ne passende Uebernachtfahrt gefunden – Tuxtla ist naemlich eine ganze Tagesfahrt entfernt, was das Ganze nicht gerade entspannter macht. Aber es ist wie immer: ich mach das hier gerne, also nehm ich sowas auch gerne in Kauf.

Am Abend gab es dann noch ein kurzes Treffen mit Jazy, da ich meine Sachen abholen musste. Sie erzaehlte mir davon, dass sie Probleme damit hat, ein Visum fuer Kanada zu bekommen, dabei wird sie dort im Rahmen ihrer Reise nach Schottland nur ca. eine Stunde Aufenthalt haben. Jetzt hat sie noch ein paar Tage Zeit und ich hoffe genauso wie sie, dass es klappt, denn nach Schottland zu fliegen und dort laengere Zeit zu verbringen ist ihr grosser Traum. Bis auf das Kanada-Visum hat sie bereits alles organisiert. Da war er wieder: der Moment, in dem mir klar wird, was mein verdammter deutscher Reisepass wert ist. Anscheinend um sich selbst etwas vom Thema abzulenken, kam Jazy wieder auf die Zapatistas zu sprechen. Laechelnd meinte sie zu mir:

   „Ich hab Dein Buch gesehen. Du meinst das ja wirklich Ernst mit den Zapatistas!“

Und ich darauf: „Na klar, deswegen bin ich ja hier.“ Waehrend die Sonne draussen schon fast unterging, machten wir uns es noch einmal am Wohnzimmertisch gemuetlich und quatschten ein bisschen. Auch Yazy teilte mir dabei ihre Meinung unmissverstaendlich mit: „Man weiss nicht genau, in was fuer Geschaefte die dort unten im Sueden verwickelt sind. Vielleicht hat der Taxifahrer Recht und die dealen wirklich mit Drogen.“ Im gleichen Atemzug erzaehlte sie mir jedoch auch, dass sie hoechsten Respekt vor dem hat, was die Zapatistas seither mit dem Aufbau ihrer eigenen Strukturen geleistet haben. Letztlich einigen wir uns darauf, dass es schwierig ist, ein umfassendes Urteil zu faellen, denn wer nicht da gewesen ist, wer nicht selber mit den Zapatistas zumindest mal geredet hat, der kann auch nur schwer beurteilen, inwiefern das, was die Zapatistas von sich selbst und andere von ihnen behaupten, mit der Realitaet uebereinstimmt. Nun muss ich auch wirklich los, denn sonst faehrt der Bus in Richtung Tuxtla Gutierrez ohne mich ab. Jazy begleitete mich noch nach unten zum Portal des Wohnblocks, wo ich mich nochmal fuer den ganzen Stress entschuldigte und ihr in Form von Hallorenkugeln aus der Halloren Schokoladenfabrik fuer ihre Gastfreundschaft dankte. Sie freute sich wie ein Honigkuchenpferd, wir umarmten uns kurz und innig und sie gab mir dann noch eine Aufforderung mit auf den Weg, die ich erfuellen werde:

                       „Erzaehl mir dann unbedingt, wie es bei den Zapatistas war.“

 

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