Meine Motivation

Es ist nicht besonders schwierig, meine Motivation bezüglich der Reise ins zapatistische Chiapas näher zu erläutern: Da ich bereits seit mehr als zehn Jahren linkspolitisch aktiv bin, bin ich schon häufiger über Geschichten über die Zapatisten und vor Allem über ihren Sprecher Subcomandante Marcos gestolpert.
Die Zapatisten schafften es Mitte der 90er Jahre für kurze Zeit in den Fokus der Weltöffentlichkeit, und das ist von Nachhaltigkeit. Zwar ist der Glanz der revolutionären Farbe etwas abgeblättert und man ist in vielerlei Hinsicht auf den Boden der Tatsachen angekommen, aber das ändert nichts daran, dass die Zapatisten sich seit nunmehr 22 Jahren erfolgreich im Widerstand gegen die neoliberalen Strukturen des Welthandels befinden und beim Aufbau einer alternativen Gesellschaft vor Allem der korrupten mexikanischen Regierung ein Dorn im Auge sind.
Es ist nicht zuletzt dieser zunächst unerwartete Erfolg, welcher in Teilen der deutschen Linken zu einem hohen Maß an Romantisierung führte, welches auch heute noch deutlich sichtbar ist. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich – für mich hatte es den positiven Effekt, dass ich ohne die Omnipräsenz der Symbolfigur Subcomandante Marcos wohl nicht so schnell auf die Zapatisten aufmerksam geworden wäre.

Im Februar 2013 war ich während eines Auslandssemesters für mehr als einen Monat erstmalig in Mexiko. Zwar war ich damals nicht in Chiapas, übernachtete jedoch bei einem Anhänger der zapatistischen Bewegung in Mexiko-Stadt und bekam durch die Gespräche mit Eric einen ersten kleinen Einblick in die Widerstandsbewegung. Was ich damals hörte versetzte mich in Erstaunen, denn zum Ersten mal waren die Zapatisten nicht mehr Etwas, das völlig außerhalb meiner Reichweite lag, sondern ich hatte nun direkten Kontakt und Eric machte mir klar, dass die Zapatisten in Mexiko nach wie vor eine politische Kraft sind, die nicht zu unterschätzen ist. Wenn man so will, war dies meine erste „zapatistische Begegnung“.

Ich fing also schon vor Jahren damit an, mich für die Zapatisten zu interessieren, kam dabei aber nie über ein oberflächliches Interesse hinaus, bis ich Anfang diesen Jahres damit begann, mich näher mit zapatistischem Kaffee zu beschäftigen. Über Wochen und Monate hinweg arbeitete ich mich ins Thema ein, sah einige Filme sowie zahlreiche Videos und las viel – sowohl von den Zapatisten als auch über sie. Dabei fiel mir auf, dass man – je intensiver man sich mit dem Thema beschäftigt – vermehrt auch kritische Texte über die zapatistische Bewegung findet. Bei meiner Recherche stieß ich unter Anderem auf diesen taz-Artikel, welcher die indigene Bewegung kritisch beleuchtet: http://www.taz.de/!5051618/

Bald wurde mir klar, dass es nur einen Weg geben kann, sich ein umfassenderes Bild von der Bewegung zu machen. Ich muss selber hinfahren, um zu sehen, wie die Menschen vor Ort in den zapatistischen Gemeinden leben; um zu sehen, was ihre Sorgen, Ängste und Probleme sind. Doch nicht nur das, meine Fragen sind auch allgemeiner Natur. Im Rahmen meiner Reise möchte ich versuchen, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

 

  • Wie präsent sind die Zapatisten in Chiapas?
  • Wie stark ist ihr Einfluss?
  • Wo gibt es Widerspruch gegen die Zapatisten und warum?
  • Wie reagieren die Zapatisten darauf?
  • Wie werden die Zapatisten allgemein wahrgenommen?
  • Welchen Widrigkeiten und Widersprüchen sehen sich die Zapatisten gegenüber?

 

Bei der Beantwortung dieser und weiterer Fragestellungen ist für mich ein Aspekt von besonderer Relevanz: Kann die internationale Linke und grade auch die Linke in Deutschland sich für die politische Praxis etwas vom Kampf der Zapatisten abschauen oder ist wenig bis gar nicht möglich? Inwiefern ist die basisdemokratische Organisierung in „Caracoles“ (dt.: Schneckenhäuser) im Alltag praktisch und wäre so etwas auch in großem Stile in Deutschland möglich? Und vor Allem:Kann der Erfolg der zapatistischen Bewegung tatsächlich dazu beitragen, die Strukturen des neoliberalen Kapitalismus auf Kurz oder Lang zu überwinden oder ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?                                                                                                                                                                                      Fragen über Fragen, und es wird nicht leicht sein, auf jede eine Antwort zu finden. Eins weiß ich jedoch: frei nach der zapatistischen Losung „Preguntando vamos caminando“ (dt.: „Fragend schreiten wir voran“) weiß ich, dass man nur vorankommt, wenn man Fragen stellt.

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